Neulich fragt mich meine Kollegin, wie es eigentlich dazu kommt, dass sie immer in einem Irrenhaus landet. Die Frage war durchaus ernst gemeint. Sie kam natürlich nicht aus dem Nichts. Es gab schon den einen oder anderen Anlassfall, der sie zu dieser Frage führte, die allerdings mehr eine Feststellung war.
Da wäre zum Beispiel ein Kassensystem, das trotz der erstaunlichen Computerkenntnisse meiner Kollegin dennoch ein Eigenleben zu führen scheint und täglich die absurdesten Kunststücke vollführt, ohne jede Logik oder jeden Sinn. Vorzugsweise natürlich im stärksten Geschäftsgang, wenn die Nerven ohnehin schon blank liegen. So eine rebellische Kasse kann dir schon den Laden mitsamt deinem Verstand lahmlegen.
Dem nicht genug dürfen natürlich auch die üblichen Querelen nicht fehlen. Das Klischee vom cholerischen Koch ist leider oft eine reale Tatsache, weniger ein Stereotyp. Konkurrenzkampf, Missgunst, Neid und noch viele weitere Eitelkeiten zeigen sich auch gerne unter Hochdruck, denn nur wer mit sich im Reinen ist, kann das mörderische Stressgeschäft bei Hochbetrieb überstehen, ohne zu entgleisen. Doch wer ist das schon? Wir sind alle nicht heilig, soviel ist klar. Selbst als Kommunikationstrainerin stoße ich oft an Grenzen. An meine eigenen, und auch an die der KollegInnen. Wenn der Druck zu groß wird, helfen keine gesalbten Worte mehr. Nicht mal mir selbst. Da kann mir jedes Mantra gestohlen bleiben, das ich sonst so wirkungsvoll für mich herunterbete. Jede goldene Kommunikationsregel und selbst die 4 Ohren nach Schulz von Thun nützen mir nichts mehr. Wenn die Hölle losbricht, sind alle gleichermaßen gespitzt und da kommt nichts Gutes dabei raus. Besonders groß ist natürlich das Beziehungsohr. Da wäre es schon fast vernünftiger, dichtzumachen und gar nicht zu hören. Geht aber auch nicht. Solange auf dem Schlachtfeld der Emotionen keine Übergriffe passieren, kann man später zumindest gemeinsam darüber lachen.
Manchmal reicht eine einzige Person, um ein ganzes Team zu sprengen. Wenn zum Beispiel jemand, der selbst gern ein Anführer wäre, sich unterordnen muss, wird er sehr schnell zum Gegenspieler. Ganz nach Lehrbuch. Ein verhinderter Alpha wechselt zu Omega und bekämpft Alpha gleichermaßen wie Gamma, ganz nach Raoul Schindlers Rangdynamik. Gut, Omega eliminiert sich meist irgendwann selbst, aber bis dahin kann das ein langer, dorniger Weg sein. In der Praxis sieht das dann so aus, dass die ganze Palette der negativen menschlichen Eigenschaften zum Vorschein kommt und die Nerven aller Anwesenden auf ein Maximum strapaziert werden. Was also tun in so einer Situation? Wenn keine einzige Kommunikationstechnik mehr funktioniert. Wenn jegliche Empathie fehlt. Wenn Ränkespiele und Machtstreben die Atmosphäre vergiften und die tägliche Zusammenarbeit dem Nahkampf mit einem Raubtier gleicht.
Daran arbeite ich noch.
Während meine Kollegin schon wieder bester Dinge ist und trällernd zu den Gästen flattert, wende ich mich einstweilen der störrischen Kasse zu und versuche es mit gutem Zureden. Wer weiß, vielleicht erhört sie mich und gewährt mir einen friedlichen Abend. Ungefähr so muss es Polizeipräsident Pilch ergangen sein, als er versuchte, Herr über den Kaffeeautomaten im Präsidium zu werden. Soweit ich mich erinnere, hat er diesen Kampf nie gewonnen. Was folgte, waren regelmäßige Nervenzusammenbrüche, die zu köstlich in ihrer unschuldigen Komik waren. Und obwohl das alles hier gerade nicht lustig ist, muss ich dennoch schmunzeln. Die Frage meiner Kollegin ist eigentlich ganz leicht zu beantworten.
Wir landen mitunter deshalb immer wieder im Irrenhaus, weil wir es irgendwie auch mögen, dieses ganze Tohuwabohu und den Zirkus. Und wenn es noch so verstörend ist, es bleibt Kult.
Unwiderstehlich. Schräg.
Ich nehme mir vor, alle Folgen von „Kottan ermittelt“ anzusehen.
Hier geht es zu meinem letzten Beitrag: Aus dem Nähkästchen geplaudert