Meistens erreicht er uns scheinbar aus dem Nichts und trifft uns obendrein vollkommen unvorbereitet. So geschehen wurde ich kürzlich auf die gastronomische Bühne katapultiert und fand mich wieder auf den Brettern, die zwar nicht die Welt bedeuten, die sich für mich aber dennoch so anfühlen. Ein Lokal ist immer auch eine Bühne und diese Bühne war lange mein Zuhause.
Ein kompliziertes Geflecht aus familiären Verstrickungen und dem unheimlichen inneren Drang, wieder einmal hautnah in den gastronomischen Alltag einzutauchen, haben wohl dazu geführt, das muss ich fairerweise gestehen.
Weiters gestehe ich auch sofort und unverblümt, und ohne jegliche Reue: Ja, es macht mir immer noch richtig Spaß. Das geschäftige Treiben, das Koordinieren der Getränke und Speisen, das vertraute Geklimper des Geschirrs, die erwartungsvollen Gesichter des Publikums, die vielen kleinen und auch großen Marotten der Gäste, die schaurig wohlige Anspannung, die sich einstellt, bevor das Abendgeschäft losgeht, der unvermeidliche Stress, der sich dazugesellt, egal wie schnell und wie gut du arbeitest. Das alles kann man vermissen. Ich auf jeden Fall.
Zu köstlich sind auch die Dialoge, die sich mit den KollegInnen entfalten. Zu dem harmlosen Geplauder gesellen sich durchaus auch ernsthafte existenzielle Themen. So stellte sich neulich die Frage, ob wir Gastroleute durch den Beruf zwingend verrückt werden oder ob wir schon verrückt waren und uns deshalb für diesen Beruf entschieden haben. Das ist ein bisschen so wie mit der Henne und dem Ei.
Während ich später an jenem Abend die Tische für den nächsten Tag eindecke, sinniere ich weiter über unsere Thesen zu dieser spannenden Kernfrage, als ein Kollege sich zu mir gesellt, um mir zu helfen. Plötzlich entdecken wir einen winzig kleinen Fleck auf einem ansonsten blütenreinen Tischtuch und verfallen sofort in eine weitere Sinnkrise. Ist es zumutbar, die Tischdecke umzudrehen und den Fleck diskret verschwinden zu lassen oder sollten wir doch einer makellosen den Vorzug geben? Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns für Letzteres. Wir können einfach nicht anders.
Und da war mir wieder klar, dass die Frage nach der Verfassung unseres Innenlebens ganz leicht zu beantworten ist. Man muss schon vieles mögen, das im Normalfall eher nicht so beliebt ist. Wahnwitzigen Stress zum Beispiel und Erschöpfungszustände wie nach einem beinharten Gipfelaufstieg. Endlose Schichten und Gäste, die auch lange nach der Sperrstunde nicht einsehen wollen, dass es Zeit ist zu gehen. Man muss es auch mögen, wenn man sich regelmäßig an glühend heißen Tellern verbrennt. Oder dieselben dann stundenlang zu waschen, wenn wieder einmal keine Küchenhilfe da ist. Man muss vor allem die Hektik lieben, die in einer Restaurantküche herrscht und auch, dass öfter mal die Fetzen fliegen. Man muss es lieben, viele Kilometer zu laufen, ohne jemals ein echtes Ziel zu erreichen. Da ist Perfektionismus noch das geringste Übel. Vor allem muss man es nicht nur aushalten, man muss es wirklich richtig mögen.
Ich frage mich aber auch oft, was jemanden dazu bewegt, unter schlimmsten Qualen und unter Lebensgefahr einen wilden Berg zu erklimmen und dabei in Kauf zu nehmen, dass ihm womöglich ein paar Zehen und die Nase abfrieren. Man kann oft nicht erklären, was einen antreibt. Man kann es nur machen oder lassen.
Und ob es nun Schicksal, Wahnsinn oder Leidenschaft ist – wer weiß das schon so genau? Vielleicht ist es gar nicht kompliziert. Manche Menschen gehen in die Berge, andere in die Gastronomie. Luis Trenker hätte das verstanden. Und bestimmt einfach weitergemacht.
Hier geht es zu meinem letzten Beitrag: Sprache ist eine Waffe