Neulich habe ich erzählt, was man alles mögen muss, um die Gastronomie zu lieben. Was ich aber am meisten an der Branche liebe, das habe ich noch verschwiegen. Absichtlich, denn tatsächlich ist es einen eigenen Beitrag wert. Was ist es also, was mein Herz für diesen Beruf erwärmt und mich über die Jahre nicht loskommen lässt? Ähnlich wie Obelix von seinem Zaubertrank träumt, so dürstet es mich nach wilden Geschichten. Besonders liebe ich die absurden, die schrägen und fast schon surrealen Anekdoten. Die eigenen und auch die, die mir im Lauf der Jahrzehnte von KollegInnen zugetragen wurden. So gibt es inzwischen ein wahres Sammelsurium davon. Schaurige und oft auch unfassbare Situationen, die sich unvergesslich einbrennen und mich faszinieren. Ich gebe zu, nirgends amüsiere ich mich mehr, als im Kreis von GastronomInnen, die von ihrem beruflichen Alltag berichten.
So geschehen unlängst nach der Sperrstunde, im Zwiegespräch mit einer Kollegin, die mir ihre jüngsten Erfahrungen am letzten Arbeitsplatz anvertraut. Wie so oft geht es um neurotische Chefs und fragwürdige Interaktionen, und ich nicke verständnisvoll, während die Kollegin aus dem Vollen schöpft. Ihr ehemaliger Arbeitgeber, ein aufstrebender Jungunternehmer von 26 Jahren, der allerdings nicht aus der Branche kommt, hat sich zu einigen verbalen Ergüssen hinreißen lassen, die mir so oder so ähnlich durchaus bekannt sind. Während die Kommunikationstrainerin in mir die Augenbrauen immer höher zieht, kostet es meine innere GastronomIn ein mildes Lächeln. Wann bitte war das jemals anders? Hier ein falsches Wort, dort eine derbe Geste und plötzlich findest du dich wieder in einem wilden Gemetzel. Dass besagter Arbeitgeber in der geschilderten Situation gerade in der Küche zu tun hatte und offensichtlich überfordert war, ändert nichts daran, dass meine Kollegin zutiefst beleidigt und herabgewürdigt wurde. Zum Glück trägt sie es mit Fassung und ist einfach nur froh, dem Choleriker entronnen zu sein. Sie trägt es ihm nicht einmal nach. Die nächste Geschichte, die sie mir erzählt, ist allerdings an Absurdität kaum zu übertreffen und hat sich folgendermaßen zugetragen.
Meine Kollegin kommt eines Morgens frisch und munter an ihrem Arbeitsplatz an, ist bester Dinge und hübsch zurechtgemacht, wie jeden Morgen. Ich sollte noch erwähnen, dass sie 50 Jahre alt und sehr attraktiv ist, obendrein super gepflegt und immer modisch gekleidet. Kurz, eine Hammerfrau im besten Alter, molto simpatico und gleichermaßen mit Herz und Humor gesegnet.
Die Seniorchefin, die sie gleich begrüßen wird, ist eine 90-jährige Grande Dame, verehrt und bewundert, aber auch gefürchtet und bekannt für ihre Marotten. Meine Kollegin biegt also um die Ecke, trällert ein fröhliches „Guten Morgen“ und wird mit folgender Frage konfrontiert:
„Heans, ham Sie kan Spiegel daham?“ (Hochdeutsch, für meine LeserInnen, die nicht aus Österreich stammen: Hören Sie, haben Sie keinen Spiegel zu Hause?)
Kollegin: “Freilich, warum?“ (Natürlich, warum?)
Die Chefin: “Weil Sie so schiach san!“ (Weil Sie so hässlich sind)
Meine Kollegin kriegt sich vor Lachen kaum noch ein, als sie den Dialog wiedergibt und mir geht es nicht anders. Wir lachen uns minutenlang krumm.
Die Geschichte beschäftigt mich die nächsten Tage. Denn so sehr wir in jener Nacht unseren Spaß hatten, in Wirklichkeit ist sie ein Beispiel völliger Entgleisung und Respektlosigkeit. Ich meine, wir wissen alle, dass da draußen nicht nur Lichtgestalten herumlaufen und dass der Mensch per se eine seltsame Spezies ist. Mit Humor lässt sich Vieles ertragen. Zum Glück konnte ich mit meiner Schlagfertigkeit schon oft einen zauseligen Misanthropen verscheuchen. In diesem Fall wäre aber sogar ich sprachlos gewesen und bin es auch jetzt, wenn ich darüber nachdenke.
Und falls sich jemand fragt, warum ich heute Kommunikation unterrichte…genau deshalb.
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